BÜCHERSCHÄTZE

Es ist immer wieder gut und schön, sich mit Bibliotheken zu beschäftigen. Vor Kurzem wurde hier eine der schönsten der Welt präsentiert, nämlich jene im Kloster Wiblingen. Doch um Schönheit geht es diesmal nicht, sondern um Ungewöhnliches. DC Helmuth stellt in ihrem Buch „Bücherschätze“ die ungewöhnlichsten Bibliotheken der Welt vor. „DC Helmuth“ ist das Pseudonym der amerikanischen Reise- und Sachbuchautorin Diana Helmuth, die sich ihren Themen immer auch mit einem gewissen Sinn für Humor nähert, so etwa heißt eines ihrer Bücher „Fifty Places to Drink Wine Before You Die“. Fünfzig scheint ihre Lieblingszahl zu sein und daher präsentiert sie auch 50 ungewöhnliche Bibliotheken. Das Vorwort zu dem Buch hat Nancy Pearl verfasst, eine amerikanische Bibliothekarin, Bestsellerautorin und Literaturkritikerin. Auch sie hat eine 50er-Regel, und zwar soll man, wenn man unter 50 ist, von jedem Buch 50 Seiten lesen und dann entscheiden, ob man es weiterliest. Aber Nancy Pearl macht auch Lust darauf, die Orte kennenzulernen, an denen sich all diese Bibliotheken befinden.

Zum Buch: Die Bibliotheken sind nach Kontinenten geordnet: Nordamerika, Südamerika, Afrika, Asien und der Nahe Osten, Europa und „Ozeanien und darüber hinaus“. Eröffnet wird mit dem kalifornischen „Prison Library Project“, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Gefängnisbibliotheken mit Büchern zu versorgen. Sergio Perez leitet dieses Projekt, das seinen Sitz in einem Buchgeschäft in der kalifornischen Universitätsstadt Claremont hat. Auf die Frage, was ganz oben auf der Wunschliste stehe, antwortet er: „Lexika und Wörterbücher!“

Die letzte der in dem Buch angeführten Bibliotheken ist digital. Es geht darum, sich dem – besonders in den USA – immer mehr und mehr um sich greifenden Publikationsverbot entgegenzustellen: „Zwischen Januar und August 2023, so berichtet die American Library Association, fielen 1900 Bücher an verschiedenen Orten in den USA der Zensur zum Opfer.“ Als Gegenreaktion auf diese Verbote schuf die „Digital Public Library of America“ in Form des „The Banned Book Club“ die Möglichkeit, alle derzeit in den USA verbotenen Bücher online herunterzuladen. Ungewöhnlich fürwahr!

„Bücherschätze“ ist kein reines Bilderbuch, ist es doch der Autorin sehr wichtig, zu den jeweils von ihr ausgesuchten Bibliotheken das Wichtigste und vor allem das Außergewöhnliche zu erzählen und auch O-Töne einzufangen. So umfasst die Bibliothek von José Alberto Guttiérrez ausschließlich in Mülltonnen gefundene Bücher. Er wohnt in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, im Armenviertel Nueva Gloria, wo es  keine Bibliotheken gibt. Guttiérez durchsucht den Müll der reicheren Viertel und findet dort oft auch Bücher. Darin erkannte er seine Lebensaufgabe: „Und diese Aufgabe machte mich glücklich“

José Alberto Guttiérrez in seiner Bibliothek (Foto aus dem Band „Bücherschätze“, Guillermo Legaria / Getty Images)
José Alberto Guttiérrez in seiner Bibliothek (Foto aus dem Band „Bücherschätze“, Guillermo Legaria / Getty Images)

In Kenia gab es einen ganz einmaligen Bibliotheksdienst. Jeden Morgen belud ein Bibliothekar mit seinen Assistenten ein Kamel mit zirka 400 Büchern, ein zweites trug ein Zelt sowie Matten und Hocker. Männer und Kamele zogen dann im Umkreis des Dorfes Garissa von Nomadendorf zu Nomadendorf, entrollten die Matten, stellten das Zelt und die Hocker auf, breiteten die Bücher aus und luden zum Lesen ein. Am Abend wurde alles wieder aufgeladen und zurück in die Bibliothek gebracht. 3500  Leser:innen wurden so erreicht. Dieser Beitrag ist mit „In Memoriam“ überschrieben, das Projekt wurde wegen zu hoher Kosten eingestellt: „Die Kamele wurden aus dem Dienst entlassen und durch Motorräder ersetzt, als sich die Straßenverhältnisse besserten.“

Bibliotheksdienst in Kenia (Foto aus dem Band „Bücherschätze“, Alexander Joe / Getty Images)
Bibliotheksdienst in Kenia (Foto aus dem Band „Bücherschätze“, Alexander Joe / Getty Images)

Im chinesischen Badeort Beidaihe am Gelben Meer steht wohl die einsamste Bibliothek. Der Architekt Dong Gong wollte mit seinem grauen, im Stil des Brutalismus designten Betonklotz sowohl die Einsamkeit ausdrücken als auch eine intensive Verbundenheit zum Meer. „Beim Betreten spürt man das Licht, den Wind und das Rauschen des Meeres. Auf diese Sinneswahrnehmungen folgt die jeweilige spirituelle Verknüpfung, die sich zwischen einem Individuum und dem Meer aufbaut. Dabei kann man entschleunigen und sich ganz dem Gefühl der Einsamkeit hingeben.“

Wegen ihrer einsamen Lage wird die Bibliothek auch „Lonely Library“ genannt (Foto aus dem Band „Bücherschätze“, Su Shengliang)
Wegen ihrer einsamen Lage wird die Bibliothek auch „Lonely Library“ genannt (Foto aus dem Band „Bücherschätze“, Su Shengliang)

Das sind nur drei der außergewöhnlichen Bibliotheken, über die DC Helmuth in ihrem Buch berichtet, doch es gibt da auch noch die „Little Free Library“ am geografischen Südpol, die Bibliothek der Internationalen Raumstation im Weltraum, die unterirdische Bibliothek im Bhadariya-Tempel im indischen Rajasthan und, und, und….

„Bücherschätze“ stand übrigens auf der Longlist zum „Non-Obvious Book Award 2025“. Dessen Team sucht unter mehr als 1.000 Nonfiction-Büchern jedes Jahr die fesselndsten und originellsten Veröffentlichungen aus.

DC Helmuth: Bücherschätze Die ungewöhnlichsten Bibliotheken der Welt Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Alexander Bick. Lonely Planet, Ostfildern 2025.

13.7.2026

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