DAS GLÜCK DES GEHENS

Foto © B. Denscher

Der aufrechte Gang auf zwei Beinen ist eine besondere Errungenschaft der menschlichen Evolution. Sie verleiht uns zudem beweglichere, mentale Fähigkeiten und verändert unsere Beziehungen zur Mitwelt. Die Auswirkungen dieser Errungenschaften erörtert der irische Neurowissenschaftler Shane OʼMara in seinem neuen Buch „Das Glück des Gehens“ (der englische Originaltitel lautet: „In Praise of Walking“). Als jemand, der seit Jahren das regelmäßige Gehen in Natur und Kultur genießt, habe ich mich auf die Spur von dessen Lektüre gemacht.

Gehen ist eine besondere Medizin

Der leidenschaftliche „Zufußgeher“ OʼMara beschreibt zu Beginn seines Buches unterschiedliche gesundheitliche Auswirkungen des regelmäßigen Gehens. Bereits die aufrechte Haltung mobilisiere kognitive und neuronale Potentiale und könne plastische Veränderungen von Hirnstrukturen fördern. Diese Hirnstrukturen würden im Gehen ähnlich trainiert wie die körperlichen Muskeln. Zudem würden nachweislich Kreativität, Stimmung und Denkschärfe verbessert. Manche Alterungsprozesse des Gehirns ließen sich verlangsamen oder sogar umkehren. Dabei spielen etwa die Mehrproduktion von BNDF (Brain Derived Neurotropic Factor), sowie von Calcitonin oder Myokine als Botenstoffe aus Muskulatur und Knochen, welche durch das regelmäßige Gehen freigesetzt werden, eine wichtige Rolle. All dies bestätige die bereits von Hippokrates gemachte Aussage: „Bewegung ist Medizin“.

Das Gehirn ist, so OʼMara, kein stationäres Organ, sondern „Geist in Bewegung“. Bewegte Sinneseindrücke fördern Schnelligkeit und Genauigkeit von Sehen und Hören. Nicht zuletzt habe regelmäßiges Gehen einen gesundheitsförderlichen Einfluss auf Kreislauf, Herz, Stoffwechsel, Muskulatur und Skelett. Großangelegte Vergleichsstudien zeigten, dass der Durchschnittsmensch der westlichen Zivilisation pro Tag ca. 5.000 Schritte gehe. Dies variiere allerdings erheblich zwischen den verschiedenen Kulturen. Für viele Menschen der Moderne habe sich der eingebaute Schrittzähler der Mobiltelefone inzwischen zu einer Art von „Schuldbewusstsein“ entwickelt, was auf seltsame Art jedoch zusätzlich deren Gehmotivation fördern könne.

Evolutionsgeschichtlich seien menschliche Gehirne auf Bewegung ausgelegt, um bessere Nahrungsquellen und Schutzmöglichkeiten finden zu können. Die Möglichkeit des aufrechten Gehens führte dazu, dass Menschen im Vergleich zu anderen Säugetieren in etwa die doppelte Wegstrecke bei gleicher Kalorienmenge bewältigen könnten. Durch ihre geringere Körperbehaarung, vor allem im Kopfbereich, hätten die Menschen zudem einen Vorteil in ihrer Wärmeregulierung erreicht. Menschen seien eher für die Bewältigung von Langstrecken ausgerüstet, etwa dadurch, dass sie auch im Gehen Nahrung zu sich nehmen könnten. Zur Entwicklung des aufrechten menschlichen Gangs seien weiterhin einige anatomische Veränderungen erforderlich gewesen, wie etwa die Mittelstellung des großen Schädellochs (Foramen ovale) oder einige Anpassungen der Beckenform, sowie der Schulter- oder Hüftmuskulatur.

Buchcover
Gehen muss erst mühsam erlernt werden

Im Unterschied zu anderen Spezies muss der junge Mensch Gehen erst geduldig lernen, durch viele Zwischen- und Versuchsschritte, inklusive häufigem Fallen. Erst langsam entwickeln Menschen, unter anderem mit Hilfe eines genetisch programmierten, rhythmischen Schrittmachers im Bereich des Rückenmarks („central pattern generator“), das ihnen jeweils angemessene Schrittmaß. Zudem nehmen die stabile Kopfhaltung, welche durch eine Vielzahl von rückgemeldeten Signalen der Körperbewegungen reguliert wird, sowie die Seh-, Hör- und Gleichgewichtssysteme wichtige Funktionen ein. Die verschiedenen Außen- und Innenwahrnehmungen unserer Sinnesorgane arbeiten dabei koordiniert zusammen.

Unser Raumsinn entwickelt sich weitgehend unbewusst. Mit Hilfe von sogenannten „cognitive maps“ prägen sich Bewegungserinnerungen in unserem Nervensystem ein. Unser Empfinden für reale und vorgestellte Entfernungen wird präziser. Viele dieser Vorgänge werden in der Hippocampus-Region des Gehirns koordiniert. In den letzten Jahren wurden im Gehirn spezifische „Ortszellen“ entdeckt, welche uns mitteilen, wo wir uns jeweils befinden, sowie „Raster- oder Gitterzellen“, welche unser Raumempfinden zusätzlich unterstützen. Wir haben quasi eine Art „inneres GPS“, welches uns in der Raum- und Zeitorientierung hilft und zusammenhängende Bewegungen erlaubt. Mit seiner Hilfe erinnern wir uns an sichere Orte und es hilft uns dabei, die notwendigen Nahrungsmittel zu finden (was heute natürlich weitgehend in Geschäften und im Supermarkt bedeutet).

Gehen in der Stadt – eine besondere Herausforderung

Neben den biologischen Aspekten widmet sich Shane OʼMara auch den sozialen und kulturellen Dimensionen des Gehens. Ein besonderes Kapitel befasst sich mit dem Gehen in der Stadt, nicht zuletzt deshalb, weil bereits in den nächsten Jahrzehnten die große Mehrheit der Menschen in Städten leben wird. Augenblicklich sind Städte aus OʼMaras Sicht weitgehend so gestaltet, als ob die Menschen dort sich nur in kurzen Zonen zwischen „bewegten Schachteln“ (sprich Autos) und „statischen Schachteln“ (sprich Gebäuden) bewegen würden. Diese Situation gelte es zukünftig dringend zu ändern, damit die Städte wieder begehbarer werden. Gehbereiche sollten dabei zugleich nützlich, sicher, angenehm (quasi „als äußere Wohnzimmer“), interessant begrünt, erfrischend und mit Ruhezonen ausgestaltet werden. Es gelte schon jetzt zu bedenken, wie Untersuchungen zeigten, dass die Mehrzahl der über 65-jährigen Menschen z.B. das geforderte Tempo zum Überqueren eines ampelgeregelten Fußgängerübergangs nicht mehr einhalten könne.

Durch eine verbesserte Begehbarkeit der Städte könnte sich zudem das Nachbarschaftsgefühl der Stadtbewohner bessern. Augenblicklich gelte noch, dass je größer eine Stadt sei, desto höher sei auch die dort übliche Geschwindigkeit des Gehens als Ausdruck eines bestehenden, gesteigerten Wettbewerbsverhaltens. Für viele Menschen bedeute dies das Gefühl von erhöhter Irritation und Aggression. Die dort geforderte Flexibilität für Ausweichbewegungen, bei realen oder bei vermuteten Gefahren, sei in den dichter besiedelten Zonen der Städte für viele Menschen kaum noch zu schaffen.

Neuere wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass vermehrte körperliche Bewegung psychologisch zu mehr Offenheit, Außengerichtetheit und allgemeiner Verträglichkeit führen kann. Gehen in der Natur stärkt darüber hinaus die Abwehrfähigkeit gegen Krankheiten. Die Erholung und Kräftigung der Aufmerksamkeit beim Gehen in der Natur bewirken positive Einflüsse auf Lernen und Gedächtnis. Regelmäßiges Gehen habe nachgewiesenermaßen auch antidepressive Effekte. Das Gefäßwachstum und der Blutstrom im Gehirn würden durch den Botenstoff „VEGF“ (Vascular Endothelial Growth Factor) gefördert.

„Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen“ (F. Nietzsche)

Gehen, als kreative Anregung und meditativen Erfahrung, als Möglichkeit den Kopf freizubekommen und sich gleichzeitig von neuen Eindrücken inspirieren zu lassen, war von jeher ein beliebtes Mittel für schöpferische Denker. OʼMara verweist hier neurobiologisch auf die Rolle des sogenannten „Ruhenetzwerks“ (default-mode network), welches dabei hilft, sich regelmäßig von aufgabenbezogenen Denkleistungen zu lösen. Gemächliches Gehen, Schlendern oder Flanieren bieten Gelegenheiten, auf neue Gedanken zu kommen. Erinnert sei hier z.B. an den notorisch gehenden Philosophen Friedrich Nietzsche, der anmerkte: „So wenig wie möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.“ Nicht zuletzt bietet uns Gehen Gelegenheiten, gemeinsam etwas mit anderen zu unternehmen, gemeinsame Wege zu erkunden, sich gehend aufeinander ein- und abzustimmen, nicht zuletzt als Gruppe für gemeinsame Interessen einzutreten.

Shane OʼMara Buch „Das Glück des Gehens“ ist eine Fundgrube für jeden, der sich regelmäßig bewegt oder einfach wieder mehr gehen will. Die Lektüre ist angenehm und durchgehend anregend.

Shane OʼMara: Das Glück des Gehens. Was die Wissenschaft darüber weiß und warum es uns so guttut. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020.