DIE FANTASTISCHEN SINNESWELTEN DER TIERE

Wenn uns eine Kuh, scheinbar teilnahmslos und mit starrem Blick, anschaut, dann entgeht uns dabei leicht, dass sie ihre Welt mit ganz anderen Augen erlebt. Ihr Blickfeld umfasst beinahe den gesamten Bereich rund um ihren Kopf und sie kann uns gleichzeitig mit dem ganzen Horizont sehen.

Kühe, Steiermark / Österreich (Foto © B. Denscher)
Kühe, Steiermark / Österreich (Foto © B. Denscher)

Wir wissen, dass Hunde sehen und hören können. Aber ihre wesentliche Umweltorientierung gewinnen Hunde mit Hilfe ihrer Spürnase und ihrem feinem Riecher. Wie dies geschieht, dies entzieht sich jedoch unseren Beobachtungen und kann erst durch aufwendige Forschungen geklärt werden. Forschungen zeigen auch, dass Mücken von uns Menschen auf unterschiedliche Weise angelockt werden; sowohl durch CO2-Ausdünstungen unserer Atemluft, durch Geruchstoffe unserer Haut, durch unsere Körperwärme und nicht zuletzt durch deren Geschmacksempfindungen auf unserer Haut. Letztere werden von Mücken mit Geschmacksknospen im Bereich ihrer Füße wahrgenommen. Tiere nehmen Umweltinformationen immer gleichzeitig mit verschiedenen Sinnen auf und schaffen dabei Querverbindungen zwischen ihren Sinneswahrnehmungen. Sie zapfen so viele Sinnesinformationen an, wie ihr jeweiliges Nervensystem verarbeiten kann.

Was bei den Sinneswahrnehmungen der Tiere an erstaunlichen Prozessen abläuft, dies zu erkunden ist die Arbeit von Sinnesbiologen. Der renommierte Wissenschaftsjournalist Ed Yong widmet sich diesen Forschungen in seinem aktuellen Buches: „An Immense World. How Animal Senses Reveal the Hidden Realms Around Us“ (Deutscher Titel: Die erstaunlichen Sinne der Tiere. Erkundungen einer unermesslichen Welt). Er beschreibt auf faszinierende Art und Weise, welche ungeheuer vielfältigen, raffinierten, oft überraschend einfallsreichen Sinnesleistungen der Tiere bereits enträtselt werden konnten. Das Verborgene, also das, was sich unseren Blicken entzieht oder im Dunkeln geschieht, intensiv zu beleuchten, ans Licht zu bringen und sichtbar zu machen, ist seit der Aufklärung ein Anliegen der naturwissenschaftlichen Entzauberung der Welt. Das Licht, so schreibt Ed Yong, symbolisiere aus der Sicht der Menschen, Sicherheit, Fortschritt, Wissen, Hoffnung und das Gute. Dem gegenüber symbolisiere das Dunkle und Verborgene, Gefahr, Stagnation, Unwissen, Verzweiflung oder das Böse.

Dackel (Foto: Wikimedia Commons / Tom Newby, CC BY 2.0)
Dackel (Foto: Wikimedia Commons / Tom Newby, CC BY 2.0)

Bei der Lektüre dieses Buchs konnte ich häufiger nur ehrfürchtig staunen, welche verborgene Umwelten sich uns durch die tierischen Sinne offenbaren können. An zahlreichen Beispielen beschreibt der Autor, wie wir Menschen mit anderen Lebewesen oft zwar die gleichen physikalischen Orte und Räume teilen, diese aber zugleich „radikal anders“ wahrnehmen. Mit Hilfe ihrer subtilen Sinnesvermögen gelingt es anderen Lebewesen, eigene Ordnungen in diesen Umwelten (ein Begriff, den der Zoologe Jakob von Uexküll Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt hat) zu finden. Ebenso gewinnen sie dadurch eigene Reaktionsmöglichkeiten, die ihnen Nahrung, Schutz vor Gefahren, sowie Möglichkeiten zur Kommunikation und zur Fortpflanzung gewährleisten können.

„Man kann die Sinne der Tiere leicht auf irreführende Weise studieren“, schreibt Ed Yong. Die Dominanz des menschlichen Sehsinns verleite manche Forscher dazu, die eigenen, menschlichen Sichtweisen und Vorstellungen vorschnell auf andere Lebewesen zu übertragen. Damit blieben ihnen komplexere, raffiniertere und einfallsreichere Dimensionen der tierischen Sinne lange Zeit verborgen. Der Autor beschreibt diese Problematik u.a. auch an einigen Sinnesqualitäten, wie den infraroten und ultravioletten Farbspektren des Sehens, der Echolokation, den elektrischen Feldern oder der Orientierung von Zugvögeln und Schildkröten am Magnetfeld der Erde. Die Entdeckung dieser Sinne ist oft erst dadurch gelungen, dass ForscherInnen aus ihrer eigenen Umwelt herausgetreten sind, um sich in die Lebeweisen anderer Tiere „hineinzuversetzen“. Sie haben versucht das Unvertraute im Vertrauten, das Außergewöhnliche im Alltäglichen oder das Großartige im vermeintlich Banalen zu finden und andere „Augen“ genutzt, um fremde Welten erahnen zu können.

Bei den Beschreibungen der Sinnesfähigkeiten von Tieren geht es Ed Yong aber nicht um Fragen der Überlegenheit einzelner Arten, mögliche Rekordleistungen oder gar Exotika. Er möchte dazu beitragen, den Respekt vor der wunderbaren Vielfalt von Lebewesen auf dieser Erde zu fördern. Sein Buch macht die Qualitäten der bedrohten „Biodiversität“ der Arten anschaulich verständlich. Seine präzisen, eleganten, leicht lesbaren, bisweilen fast literarischen Darstellungen von wissenschaftlichen Forschungen, fesseln, überraschen und erstaunen.

Biene auf einer Echinacea-Blüte (Foto: Wikimedia Commons / Sputniktilt, CC BY-SA 3.0)
Biene auf einer Echinacea-Blüte (Foto: Wikimedia Commons / Sputniktilt, CC BY-SA 3.0)

Stellvertretend seien einige Beispiele genannt, die im Buch ausführlich dargestellt werden: Männliche Motten können die Duftwolken ihrer potenziellen Partnerinnen über Kilometer hinweg wahrnehmen. Lachse folgen auf dem Weg zu ihren Laichplätzen den Duftspuren von Wasserläufen. Mithilfe von raschen, kreisförmigen Bewegungen ihrer doppelten Zungenspitzen sammeln Schlangen Duftmoleküle in ihrer Umgebung ein, um die Art und Lage ihrer Beutetiere festzustellen. Bienen nehmen ultraviolette Felder an der Basis von Blütenblättern wahr. Ihre während des Flugs entwickelte, positive Körperladung trifft beim Besuch der Blüten auf die negative Ladung der Blütenpollen, welche sich dann mit ihnen elektromagnetisch verbinden.

Viele Lebewesen sind sogenannte Monochromaten. Sie nehmen ihre Umwelt zweifarbig, schwarz-weiß, gezielt, aber nur kurz wahr. Durch die erweiterten Fähigkeiten zwei, drei oder gar vier Farbspektren wahrzunehmen, gewinnen andere, polychrome Lebewesen erweiterte Fähigkeiten des konstanteren, stabileren Sehens. Tiere nehmen Schmerzreize und Schädigungen ihrer Organe wahr. Dies hilft ihnen, manche zukünftige Gefahren besser zu vermeiden. Ob sie unter diesen Schmerzen nachhaltiger leiden, bleibt aber eine offene Frage in der Forschung.

Seeotter müssen täglich zum Lebensunterhalt das Äquivalent von einem Viertel ihres Körpergewichts fressen. Bei der Nahrungssuche gehören ihre Rumpfflossen als „Pfoten“ zu den empfindlichsten Tastorganen der ganzen Tierwelt. Die Behaarung ihrer Haut registriert feinste Unterschiede im umgebenden Wasser. Sternförmige Tastorgane im Nasenbereich ermöglichen es dem unterirdisch lebenden Sternmull, seine Umgebung durch „drücken und loslassen“ minutiös zu untersuchen. Sein besonderer Tastsinn kann innerhalb von Millisekunden Informationen zu seinem Gehirn senden. Ebenso rasch kann er auch erbeutete Nahrung aufnehmen. Wasserwirbel im Kielwasser von Fischen sind für deren Beutejäger noch nach Tagen wahrnehmbar. Robben können Heringe aus 200 Meter Entfernung aufspüren. Alligatoren überwachen die Grenzschicht zwischen Wasser und Luft mit sensiblen Verdickungen im Bereich ihrer mächtigen Zähne. Diese sind zehnmal empfindlicher als etwa menschliche Fingerspitzen. Über 200.000 Insektenarten nutzen die Oberflächen von Pflanzen als Vibratoren zur Signalübertragung. Skorpione haben Vibrationssensoren in ihren Füßen. An der Bauchmuskulatur von Katzen befinden sich schwingungssensible Mechanorezeptoren, welche ihre Aufmerksamkeit bei der Beutejagd verstärken. Elefanten haben ähnliche Vibrationsrezeptoren an ihren Füßen.

Eule, Deutschland (Foto: Wikimedia Commons / Matthias, CC BY 3.0)
Eule, Deutschland (Foto: Wikimedia Commons / Matthias, CC BY 3.0)

Die Federn um die Eulenaugen herum ähneln Radarschüsseln. Sie dienen ihnen dazu, ihre äußerst feine Hörfähigkeiten zu entwickeln. Im Lauf von zirka fünfhundert Millionen Jahren haben sich „Ohren“ an nahezu allen Körperteilen der unterschiedlichsten Tiere entwickelt: an den Knien von Grillen, am Bauch von Zikaden, am Mund von Schmetterlingen, an den Antennen von Mücken oder, als Zyklopenohr, in der Mitte des Brustkorbs von Gottesanbeterinnen. Fliegen, Libellen und Käfer hingegen haben keine speziellen Ohren. Sie können Schwingungen mit ihrem ganzen Körper wahrnehmen.

Elefantenherden kommunizieren mit Hilfe von Infraschall über kilometerweite Entfernungen hinweg. Fledermäuse und Zahnwale, wie etwa Delfine, orientieren sich mit Echolot. Bei Fledermäusen arbeitet dieses Echolot jedoch nur in einem Nahbereich von zirka 6 bis 13 Metern. Die Intensität, mit welcher der für uns nicht hörbare Sonarruf der Fledermäuse ihr Maul verlässt, entspricht dem einer Sirene oder eines Düsentriebwerks. Dabei ziehen sich die Stimmmuskeln dieser Tiere zirka 200-mal pro Sekunde zusammen. Der Hälfte der Motten, welche von Fledermäusen gejagt werden, können die ausgesendeten Signale der Fledermäuse schon aus größerer Distanz wahrnehmen. Zu ihrem Schutz schütteln sie Wolken von Schuppen ab, welche die ausgesandten Signale absorbieren und das mögliche Echo der Fledermäuse abdämpfen.

Ein Delfin kann mit Hilfe seines produzierten Echos Ziele noch in 750 Meter Entfernung orten. Er nimmt damit bei einem Menschen nicht nur dessen Äußeres, sondern auch, ähnlich wie mit einem Röntgenbild oder einem MRT, dessen Lungen und Skelett wahr. Etwa 350 Fischsorten können elektrische Felder selbst erzeugen. Mit den Elektrorezeptoren auf ihrer Haut können sie „elektrische Bilder“ aus Spannungsmustern entnehmen, welche ihnen zur Orientierung und bei der Beutejagd dienen. Zu den bislang noch weitgehend mysteriösen Phänomenen gehören die an Magnetfeldern orientierten Sinneswahrnehmungen von Zugvögeln oder Meeresschildkröten.

Delphine, Neuseeland (Foto: Wikimedia Commons / Mridula Srinivasan, CC BY 2.0)
Delfine, Neuseeland (Foto: Wikimedia Commons / Mridula Srinivasan, CC BY 2.0)

Jede Spezies, inklusive uns Menschen, ist auf ihre Art in den besonderen Wahrnehmungen ihrer Umwelten eigensinnig „gefangen“. Aus dieser Befangenheit entstehen bei den Menschen auch eingeschränkte Betrachtungsweisen von und begrenztes Verständnis für andere, tierische Wahrnehmungen. Dieser Mangel kann sich auf die Fragestellungen von entsprechenden wissenschaftlichen Untersuchungen niederschlagen. Der Autor berichtet im Buch über Begegnungen mit Sinnesforschern und erkundet deren Forschungsmotive. Dabei wird deutlich, dass sich diese ForscherInnen oft durch ihre besonders geduldigen Beobachtungen von Tiere in deren Umwelten auszeichnen. Ed Yong konnte auch häufiger Besonderheiten in der Art der Aufmerksamkeit der ForscherInnen beobachten, sowie ein künstlerisches Interesse, welches ihnen dabei zu helfen scheint, sich fantasievoller in die Wahrnehmungswelten der Tiere hineinzuversetzen.

Die intensive Beobachtung und die naturwissenschaftliche Erforschung der Reaktionen der tierischen Sinne auf die äußere Signale der Umwelten stellt nur einen Teil ihrer Gesamtwahrnehmung dar. Sinnesinformationen aus der Außenwelt müssen gleichzeitig mit inneren Körpersignalen, z.B. durch eigene Bewegungen der Tiere, abgeglichen werden. Aus diesem ständigen selbsttätigen Abgleich von Selbstwahrnehmung und Orientierungsgleichgewicht durch das jeweilige Nervensystem entwickelt sich das Empfindungsvermögen der Tiere. Erst wenn sie in sich selbst einen (Eigen-)Sinn gefunden haben, können sie in ihrer jeweiligen Umwelt einen Sinn finden. Dabei wirken viele Sinne, welche im Buch separat betrachtet werden, wieder als ein Ganzes zusammen.

In den beiden letzten Kapiteln des Buches kritisiert Ed Yong die aufgrund der zunehmenden Dominanz des Menschen im Anthropozän hervorgerufenen Umweltverschmutzungen durch Licht und Lärm. Sie brächten „bedrohte Sinneslandschaften“ für viele Tiere mit sich. So verwechseln Insekten häufig die mit blau-weißem LED-betriebene Straßenlaternen mit Himmelskörpern. Millionen Vögel würden durch intensives, künstliches Licht auch von ihrem jährlichen Zugweg abgebracht. Allein in den USA verenden fast 7 Millionen Vögel jährlich an Sendemasten. Die in weiten Teilen Europas herrschende Überflutung durch konstante Hintergrundgeräusche entspricht der Lautstärke von ständigem Regen, weshalb Stadtvögel ihre Rufe entsprechend intensivieren müssen und zunehmend Paarungsprobleme haben. Schiffsgeräusche wiederum haben große Auswirkungen auf das Verhalten von Meerestieren.

Trotz all dieser Entwicklungen endet Ed Yongs Buch nicht pessimistisch, sondern mit der Aufforderung, sich solcher Entwicklungen und Gefährdungen für die tierische Mitwelt bewusst zu werden und diese, wo immer möglich, zu verhindern. Sein Buch verdeutlicht so wunderbar berührend, wie sehr wir ökologisch mit allem, was kreucht und fleucht, was in der Luft und im Wasser, auf der Erde und unter der Erde lebt und dort auch Leben schafft, auf Gedeih und Verderben verbunden sind. Besonders in heutigen Zeiten des Anthropozäns, in denen der Mensch sich immer mehr, oft gedanken- und skrupellos, anschickt den gemeinsam bewohnten Planeten nur nach seinen Bedürfnissen zu gestalten, ist dieses Buch von Ed Yong eine wichtige Erinnerung an die existentielle Bedeutung der von ihm beschriebenen, faszinierenden Biodiversität unserer Mitwelt. Dem Wunsch, diese mehr zu respektieren und zu erhalten, werden sich hoffentlich viele LeserInnen des Buches nach dessen Lektüre anschließen.

Buchcover

Ed Yong: Die erstaunlichen Sinne der Tiere. Erkundungen einer unermesslichen Welt. Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian Vogel. Verlag Antje Kunstmann, München 2022.

14.7.2023

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