VON KEPLER BIS CARSON: MARIA POPOVAS „FINDUNGEN“

Links: Johannes Kepler (Stahlstich von Karl Barth, Rijksmuseum Amsterdam). Rechts: Rachel Carson (Foto, um 1940, Wikimedia Commons)Links: Johannes Kepler (Stahlstich von Karl Barth, Rijksmuseum Amsterdam). Rechts: Rachel Carson (Foto, um 1940, Wikimedia Commons)

Über das „Finden“ gibt es manche rätselhafte, bisweilen trotzig klingende Sätze wie: „Seit ich des Suchens müde ward, erlernt ich das Finden“ (Friedrich Nietzsche) oder „Je ne cherche pas, je trouve“ (Pablo Picasso). Diese Thematik gewinnt durch Maria Popovas neues, umfangreiches Buch „Findungen“ jetzt breitere Aufmerksamkeit. Es hat als Geschenk meiner literaturversierten Tochter seinen Weg zu mir gefunden. Nach bewegter Lektüre möchte ich eine kleine Rezension wagen. Dabei fällt es mir schwer dieses Buch einem bestimmten Genre zuzuordnen, denn es verwebt historische Schilderungen und Romanpassagen, ausgewählte Text- und Poesiefragmente, sowie Ausschnitte aus Liebesbriefen oder Tagebüchern zu einem ungewöhnlichen Produkt.

Der ursprüngliche, amerikanische Titel des Buches lautet: „Figuring“. Dieses Wort hat vielerlei Bedeutungen, wie etwa „rechnen, berechnen, eine Rolle spielen, etwas herausfinden, verstehen“. Es bezieht sich auf Zahlensymbole, die Form eines (weiblichen) Körpers oder eine Schlüsselfigur. Ähnliches gilt für den selten gebrauchten deutschen Titelbegriff: „Findungen“. Dieser verweist auf einen fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnisprozess, auf schwierige Urteilsfindungen, vertiefte geistige Erkenntnisse oder auch auf die, in einem längeren Findungsprozess ausgewählte, geeignete Person für eine besondere, heikle Aufgabe. Von einer solchen Vielfalt an möglichen Bedeutungen, sowie deren möglichen Verknüpfungen durch gemeinsame Bekanntschaften, Zusammentreffen, Briefe, glückliche Fügungen von Serendipität, nicht zuletzt durch heimliche oder verbotene Liebe handelt dieses ungewöhnliche Buch. Die Autorin, die in den USA lebende Bulgarin Maria Popova, hat durch ihren Internetblog „Brain Pickings“ eine große Fangemeinde in so unterschiedlichen Bereichen wie Wissenschaft, Mathematik, Literatur, Philosophie und Feminismus gewonnen.

Maria Popova (Foto: © Allan Amato)

Maria Popova (Foto: © Allan Amato)

Als ein Ergebnis ihrer langjährigen, interdisziplinären Odyssee durch vielfältige Literaturen präsentiert Maria Popova in ihrem Buch einen überraschend geordneten, bisweilen vielleicht etwas assoziativen Flickenteppich über das Leben und Wirken von (zumeist weiblichen, ostküsten-amerikanischen) PionierInnen in Wissenschaften und Künsten. Dabei ist es ihr durchgängig wichtig, die Schönheit von Zahlen und Naturgesetzen mit der Schönheit von Sprache, Literatur und Poesie zu verbinden. Diese Parallelen werden darüber hinaus durch Gefühle und Liebesbeziehungen der ProtagonistInnen untermalt.

Ein solcher, qualitativ hoher, interdisziplinärer Austausch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sowie den Künsten, wie ihn Popova in ihrem Buch beschreibt, ist heutzutage öffentlich, speziell aber im akademischen Leben, leider die große Ausnahme. Die ETH Zürich hat zusammen mit der Zürcher Hochschule der Künste über viele Jahre ein solches Experiment in ihren „Cortona-Wochen“ (1985-2017) gewagt. Über mehr als eineinhalb Jahrzehnte konnte ich daran teilhaben. Mehrere Themen, welche Popova in ihrem Buch abhandelt, wurden auf diesen Veranstaltungen in der Toskana lebhaft diskutiert, wie der Dialog zwischen dem Physiker Wolfgang Pauli und dem Psychologen Carl Gustav Jung; die Verbindungen zwischen den Mathematikern und Astrologen Tycho Brahe und Johannes Kepler; die Neu-Übersetzung der Gedichte von Emily Dickinson durch Gunhild Kübler; oder das Thema: „Beauty“ in den Wissenschaften. Die meisten Vorträge der Cortona-Wochen wurden archiviert und können als Podcasts nachgehört werden. Leider hat die Schulleitung der ETH dieses sehr fruchtbare Unterfangen, aus schwer nachvollziehbaren Gründen, 2017 beendet.

Maria Popova eröffnet das Feuerwerk an spannenden Beziehungen in ihrem Buch mit Geschichten über den Astronomen Johannes Kepler („wir schreiben das Jahr 1617“, „vielleicht der glückloseste Mann der Welt, vielleicht der größte Wissenschaftler aller Zeiten“), seine bahnbrechenden mathematischen Planetenberechnungen, seinen Gedankenaustausch mit Galileo Galilei, aber auch über seine Auftragshoroskope am Prager Kaiserhof oder seinen „Science-Fiction“ Roman „Der Traum, oder Mond-Astronomie“. Zudem schildert Popova, wie Johannes Kepler die sehr aufwendige und aufreibende Verteidigung seiner kräuterheilkundigen Mutter gegen deren mittelalterliche Anklage der „Hexerei“ führt. Diese Vielfalt an Perspektiven und Einflüssen, welche auf den ersten Blick verwirrend klingen mag, wird von Popova sprachlich verständlich und ohne Übertreibungen in eine nachvollziehbare, sinnvolle Ordnung gebracht. Es gehe ihr in ihrer Arbeit, so Popova, um die schwierige Übung einer „kulturellen Akrobatik der nuancierten Wertschätzung, ohne Vergötterung“. Über Keplers Verständnis seiner Mutter merkt die Autorin an: „Nicht die Natur seiner Mutter mache sie unwissend, sondern die Folgen ihres sozialen Status in einer Gesellschaft, die in der Ermöglichung intellektueller Erleuchtung und Selbstverwirklichung so unflexibel sei wie die Fixsterne“.

Links: Maria Mitchell. Rechts: Margaret Fuller (beide Abb.: Wikimedia Commons)

Links: Die Astronomin Maria Mitchell. Rechts: Die Schriftstellerin Margaret Fuller (beide Abb.: Wikimedia Commons)

Ähnlich komplexe und verwobene Einflüsse zeigt Maria Popova, einige Jahrhunderte später, im Schicksal von Maria Mitchell auf. Diese hatte es geschafft, 1848 als erste Frau, in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen zu werden. Bereits im sehr frühen Alter von zwölf Jahren war es ihr gelungen, mit Hilfe des häuslichen Teleskops ihres Vaters einen neuen, später „Miss Mitchell“ genannten Kometen (astronomischer Name: C/1847 T1) zu entdecken und zu berechnen. Sie wurde zudem eine frühe Kämpferin für Frauenrechte, setzte sich gemeinsam mit dem Schriftsteller Ralph Waldo Emerson gegen Rassendiskriminierung ein und lebte eine eher platonische, lesbische Beziehung.

Auf fast 900 Seiten verknüpft Maria Popova in ihrem Buch eine Vielzahl von Beziehungen und Begegnungen öffentlicher und häufiger auch intimer Natur. Es geht ihr dabei um ProtagonistInnen, wie die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Margaret Fuller („Woman in the Nineteenth Century“, London 1845), die Lyrikerinnen Elizabeth Barrett Browning oder Emily Dickinson, die Astronomen Wilhelm und Caroline Herschel, die Physiker Richard Feynman oder Wolfgang Pauli. Bei ihren Schilderungen und Recherchen betrachtet Maria Popova nicht nur besondere Individuen, sondern auch den genus loci, also das geistige Klima der Orte, an denen bahnbrechende Veränderungen möglich wurden.

BuchcoverDie abschließenden Kapitel ihres Buches sind der Biologin und Pionierin der Ökologiebewegung Rachel Carson gewidmet. Diese hatte in den 1950er und 1960er Jahren mit ihren Arbeiten erstmals auf die gesundheitlichen Folgen des unkontrollierten Einsatzes von Pestiziden aufmerksam gemacht („Silent Spring“, Dt.: „Der stumme Frühling“, 1962). Es entbehrt nicht einer besonderen Tragik, dass sich ein großer Teil der Arbeit von Rachel Carson den Auswirkungen des massenhaften Einsatzes des Insektenvernichtungsmittels DDT widmete. Für dessen Entdeckung hatte 1948 der Schweizer Chemiker Paul Hermann Müller, als erster Nichtmediziner, den Nobelpreis für Medizin erhalten.

Maria Popovas Buch ist verständlich geschrieben, inspirierend und fesselnd zu lesen und überrascht mit ungewöhnlichen Aha-Erlebnissen. Es hat auch manche schwindelerregend-assoziative, redundant schwärmerische oder leider etwas langatmige Passagen, besonders dann, wenn es um längere Briefwechsel über unglückliche Liebesbeziehungen geht. Das Buch ist dennoch ein sehr lesenswertes, gut geschriebenes Manifest für die mögliche Vernetzung von Wissenschaft und Künsten, sowie für die bedingungslose, gleichberechtigte Anerkennung weiblichen Denkens und Forschens.

Maria Popova: Findungen. A.d. Amerikanischen von Stefanie Schäfer, Heike Reissig und Tobias Rothenbücher. Diogenes Verlag, Zürich 2020. Auch als E-Book erhältlich.