TECHNIK KANN SCHÖN SEIN

Der auf dem Cover des Buches „Die Welt der Technik in 100 Objekten“ abgebildete Prismen-Spektralapparat aus der Sammlung des Deutschen Museums. Mit diesem Apparat sah Joseph von Fraunhofer im Jahre 1814 als erster viele dunkle Linien im Sonnenspektrum (Foto: Deutsches Museum / Konrad Rainer, CC BY-SA 4.0).Der auf dem Cover des Buches „Die Welt der Technik in 100 Objekten“ abgebildete Prismen-Spektralapparat aus der Sammlung des Deutschen Museums. Mit diesem Apparat sah Joseph von Fraunhofer im Jahre 1814 als erster viele dunkle Linien im Sonnenspektrum (Foto: Deutsches Museum / Konrad Rainer, CC BY-SA 4.0).

Technik ist nützlich, und technische Objekte können sowohl klein und unscheinbar als auch groß und prächtig sein. Wie kein anderer weiß das Wolfgang M. Heckl, der Herausgeber des Buches „Die Welt der Technik in 100 Objekten“. Heckl ist Experimentalphysiker und Generaldirektor des Deutschen Museums in München – eines der „größten, bedeutendsten und meistbesuchten Wissenschafts- und Technikmuseen der Welt“, wie er gleich einmal in der Einleitung zum Buch feststellt. Damit ist es aber auch schon getan mit der Selbstdarstellung, denn vor allem möchte Heckl Lust auf Technik machen, Freude durch Technik bereiten und Aha-Momente beim Anblick technischer Objekte erzeugen.

Fünf Jahre haben Heckl und sein Wissenschaftsteam an dem Buch gearbeitet, auch daran, um aus den 120.000 Objekten aus dem Bestand des Museums 100 auszuwählen. Ein Spannungsbogen sollte mit dieser Beschränkung auf 100 gehalten werden. Ziel der Redaktion war es, mit den Objekten „auch die Welt der Technik der letzten fünfhundert Jahre zu repräsentieren“, wobei zugleich die vielen verschiedenen einschlägigen Felder der Technik umfassend vertreten und die inhaltliche Bandbreite des Deutschen Museums aufgezeigt werden sollten.

Der Technikhistoriker Helmuth Trischler gibt einleitend einen Überblick vom Anfang der Museumsgeschichte, von den Kunst- und Wunderkammern, bis in unsere Zeit, in die nach dem Menschen benannte Epoche des Anthropozän, die durch die Eingriffe in die Erde von der Mitte des 20. Jahrhunderts an gekennzeichnet ist. Und dann ist man schon beim Hauptteil des Buches. Dieser beginnt mit dem Jahr 1482 und dem „Poeticon astronomicon“, dem ältesten Buch in der rund eine Million Bände umfassenden Bibliothek des Deutschen Museums, und endet beim COVID-19-Impfstoff aus dem Jahr 2021.

Ausschnitt aus dem „Poeticon astronomicon“, der ersten gedruckten und bebilderten Himmelsbeschreibung. Die Holzschnitte zeigen sämtliche Konstellationen der Himmelskörper und sogar die Sternpositionen (Illustration aus dem Band „Die Welt der Technik in 100 Objekten“).

Ausschnitt aus dem „Poeticon astronomicon“, der ersten gedruckten und bebilderten Himmelsbeschreibung. Die Holzschnitte zeigen sämtliche Konstellationen der Himmelskörper und sogar die Sternpositionen (Illustration aus dem Band „Die Welt der Technik in 100 Objekten“).

Die Präsentation der 100 Objekte in Wort und Bild ist in neun Kapitel eingeteilt. Diese sollen hier auch deshalb angeführt werden, um die vielfältige Ausrichtung zu dokumentieren: Es beginnt mit „Preziosen der Frühen Neuzeit und die Verwandlung der surinamischen Insekten“ (dem Buch der Maria Sibylla Merian aus dem Jahr 1719), setzt fort mit „Ikonen der Aufklärung und der Geheimcode der Sterne“, „Der Einzug der Maschinen und ein Schutzpocken-Impfungs-Zeugniß“, „Die Elektrifizierung der Welt und die Mona Lisa der Automobilgeschichte“, „Der durchleuchtete Mensch und der Siegeszug der neuen Verkehrsmittel“, „Elektronentanz und ein Staubkorn mit Bedeutung“, „Aufbruch ins atomare Zeitalter und die neuen Rechenmaschinen“, „Alltagshelfer im Wirtschaftswunder und Bilder aus der Nanowelt“ ­­– und endet mit „Umhängetasche aus Safttüten und andere Objekte mit Zukunft“.

Jedes der 100 Objekte wird in einer Farbfotografie dargestellt und dann ausführlich in Wort und Bild beschrieben, die Erfinder werden vorgestellt – so man sie denn kennt – und deren Zeit ausgeleuchtet, die Bedeutung, die das Objekt damals hatte und letztlich auch die Geschichte des konkreten, ausgestellten Objekts. Bei vielem wird man als Laie auf den ersten Blick vielleicht gar nicht erkennen, worum es sich bei dem präsentierten Objekt handelt und wozu es dienen sollte. Doch man kann sich ja zunächst an der Schönheit dieser alten, vom Gebrauch gezeichneten Maschinen sattsehen und dann doch recht ausführlich lesen, worum es da geht.

Erster Dreirad-Motorwagen von Karl Benz, Erfindung 1885, Baujahr 1886 (Illustration aus dem Band „Die Welt der Technik in 100 Objekten“).

Erster Dreirad-Motorwagen von Karl Benz, Erfindung 1885, Baujahr 1886 (Illustration aus dem Band „Die Welt der Technik in 100 Objekten“).

Neugierig machen immer wieder auch die Zwischentitel – wie etwa „Mona Lisa der Automobilgeschichte“. Da findet man den „Benz-Patent-Motorwagen“ aus dem Jahr 1885, ein elegantes, dreirädriges Fahrzeug, das genau in allen Einzelheiten seiner Konstruktion beschrieben wird. Doch nicht nur das: Ein Aquarell aus dem Jahr 1888 zeigt, wie Bertha Benz mit ihren Söhnen damit die erste Überlandfahrt antrat. Man kann aber auch feststellen, wie unspektakulär – fern aller popkulturmäßigen Ausrichtung – HelpMate, der erste kommerzielle Serviceroboter der Welt aussieht. Und schon gar die Ampulle, die den COVID-Impfstoff enthält. Auf jeden Fall hat Wolfgang M. Heckl recht, wenn er mit seinem Buch, einem der schönsten aus der aktuellen Produktion, Faszination durch Wissenschaft und Technik verspricht.

Buchcover

Wolfgang M. Heckl (Hg.): Die Welt der Technik in 100 Objekten. Verlag C.H. Beck, München 2022.

(1.7.2022)