Es musste einfach sein, dass in dieser etwas anderen Form von Reiseführern, bei denen der Folio-Verlag vor den Ort des Geschehens immer ein „oh!“ stellt, es musste also sein, dass da auch einmal Venedig vorkommt. Die Autorin des Bandes, Maria Wiesner, ist bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ für Film, Reise und Mode zuständig, daher beruflich beim Filmfestival, bei der Biennale und bei vielen anderen Gelegenheiten in Venedig. Es gehört ja ein gewisser Mut dazu, heutzutage einen Reiseführer über Venedig zu schreiben. Weil vermutlich ohnehin alle meinen, Venedig so gut zu kennen, wie sonst niemand. Der deutsche Autor Wolfgang Koeppen konnte vor dreißig Jahren noch über den nächtlichen Markusplatz schreiben – erstens, weil er es konnte und zweitens, weil das damals noch etwas Besonderes war. Aber heute?
Wie auch immer: Maria Wiesner wagte sich an dieses Thema und kann auch einige Insidertipps ihrer venezianischen Bekannten weitergeben, so zum Beispiel „wie man sich von einer Gondel über den Canale Grande schaukeln lässt, ohne dabei ein Vermögen auszugeben“. Den ersten Rundgang, zu dem sie in ihrem Buch lädt, betitelt sie „Auf ein Glas im Schatten“ und erklärt da gleich einmal, dass Napoleon am „Spritz“ schuld ist, also den mit Mineralwasser oder Prosecco verdünnten Aperol- oder Campari-Likör. (Es braucht mittlerweile einige Zeit, italienischen Kellnern und Barkeepern zu erklären, dass man auch Weißwein spritzen kann, dieser noch aus der k.u.k. Monarchie stammende Brauch scheint in Italien in Vergessenheit geraten zu sein.)
Aber nicht nur von Kulinarischem ist in Wiesners Buch die Rede, ein Kapitel widmet sie den Schuhen der Gondolieri. Diese tragen in unseren Tagen zumeist nur dunkle Sneakers. Früher aber, beginnend im 19. Jahrhundert, waren es samtige Slipper mit Gummisohlen. Diese flachen Traditionsschuhe werden – in den schönsten Farben – heutzutage in mehreren Läden wieder angeboten. „Furlane“ heißen sie im venezianischen Dialekt, was sich von Friaul herleitet, wo sie früher gefertigt wurden. Die Sohlen sind oftmals aus alten Fahrradreifen hergestellt, der Oberstoff besteht aus flauschigem Samt. Maria Wiesner weiß natürlich, wo man diese bunten Dinger am besten kaufen kann, nämlich an der Rialto- oder nahe der Accademia-Brücke.
Bleiben wir bei den Gondeln. Die langen Paddel der Gondolieri werden von „Remèri“, den Rudertischlern, hergestellt, ein Handwerk, dessen Regeln schon im beginnenden 14. Jahrhundert festgelegt wurden. Pietro Meneghini, einer der letzten dieser „Reméri“, hat seine Werkstätte an einem kleinen Kanal unweit der Bootshaltestelle „Salute“. Birken-, Nussbaum- und Kirschhölzer verwendet er für das Tischlern der Ruder. Einer der wichtigsten Gegenstände, die er herstellt, ist die „Forcola“, die Gabel, in der das Ruder liegt. Schon die legendäre Sammlerin Peggy Guggenheim erkannte den künstlerischen Wert dieser Handarbeit und stellte eine „Forcola“ in ihrem venezianischen Garten aus.
„Ins Grüne“ heißt ein Kapitel in Maria Wiesners Venedig-Buch. Und da horcht man auf, denn wo im vollkommen verbauten Venedig sollte denn dieser grüne Platz sein. „La Certosa“ heißt die Insel in der Lagune, die sich die Natur mit Robinien, Schwarz- und Weißpappeln, Eschen und Japanischem Liguster wieder zurückerobert hat. Den venezianischen Umweltschützern ist es gelungen durchzusetzen, dass nur die Ränder der Insel bebaut werden dürfen. Somit sind auch die Vögel dort ungestört und man kann im schlammigen Wasser sogar Flamingos sehen, die dort ihre Nahrung suchen. Maria Wiesner erzählt einiges über die Geschichte der Insel, und selbstverständlich notiert sie, wie man „La Certosa“ erreicht. Somit bietet „oh! Venedig“ auch Venedig-Kennern noch einiges an Neuigkeiten.
12.8.2026







