SCHNEEBALLSCHLACHTEN

Schlachtenszenen gehören zu jenen Motiven, die in der bildenden Kunst relativ häufig zu finden sind – und das gilt auch für Schneeballschlachten. Diese gelten im Allgemeinen als fröhliches Wintervergnügen – allerdings wird das von den während der „Schlacht“ Attackierten durchaus nicht immer so empfunden.

Edouard Girardet (1819-1880): Schneeballschlacht, 1874 (Artvee, Public Domain)
Edouard Girardet (1819-1880): Schneeballschlacht, 1874 (Artvee, Public Domain)

Während sich einige Mädchen offenbar aktiv – und hoffentlich erfolgreich – gegen den von Edouard Girardet dargestellten Schneeball-Angriff auf ihre Schule wehren, zeigt Fritz Paulsen mit seinem Bild „Der geschneeballte Schornsteinfeger“ eine aggressive Attacke gegen einen Außenseiter.

Fritz Paulsen: Der geschneeballte Schornsteinfeger, 1867 (Wikimedia Commons)
Fritz Paulsen (1838-1898): Der geschneeballte Schornsteinfeger, 1867 (Wikimedia Commons)

Jene Schneeballschlacht, die als „Edinburgh Snowball Riot“ in die Geschichte einging, versetzte im Januar 1838 die schottische Hauptstadt in einen Ausnahmezustand. Spannungen zwischen Studenten und der lokalen Bevölkerung hatten dazu geführt, dass eine Schneeballschlacht derart eskalierte, dass sie nur durch das Eingreifen des Militärs beendet werden konnte. Die „Schlacht“, die von der Universität ausging, forderte zahlreiche Verletzte und führte zu erheblichen Schäden an Geschäftslokalen und Wohnhäusern. Der schottische Maler Samuel Bough thematisierte die Geschehnisse später in seinem Aquarell „Snowballing Outside Edinburgh University“.

Samuel Bough (1822-1878): Snowballing Outside Edinburgh University. 1853 (Scottish National Gallery of Modern Art, Creative Commons CC by NC)
Samuel Bough (1822-1878): Snowballing Outside Edinburgh University. 1853 (Scottish National Gallery of Modern Art, Creative Commons CC by NC)

Darstellungen von Menschen, die einander mit Schneebällen bewerfen – ob nun als harmloses Vergnügen oder als aggressive Attacke –, haben in der bildenden Kunst eine lange Tradition. So etwa ist eine solche Szene auf den sogenannten „Neidhart-Fresken“ zu entdecken, die um 1400 als Wandmalereien für den Festsaal eines Wiener Innenstadthauses geschaffen wurden.

Neidhart-Fresken, Schneeballschlacht. Um 1400.
Neidhart-Fresken, Schneeballschlacht. Um 1400.

Die Fresken gelten als kunsthistorische Rarität[1] und beziehen sich thematisch auf mittelhochdeutsche Texte in der Tradition des Dichters Neidhart von Reuental. Im Laufe der Jahrhunderte verschwanden sie unter mehrfachen Übermalungen, gerieten in Vergessenheit und kamen erst 1979 bei einer Wohnungsrenovierung wieder zum Vorschein. Zwar konnte die Wandmalerei, die einst insgesamt 15 Meter lang war, nur mehr in Teilen wiederhergestellt werden, erkennbar ist jedoch, dass sich die Darstellungen vielfach auf jahreszeitlich Typisches beziehen – wie eben auch die Schneeballschlacht, neben der, rechts, auch ein Teil eines Schlittens zu sehen ist.

Schneeballschlachten waren im Mittelalter ein beliebtes winterliches Motiv – das zeigt auch der, ebenfalls um1400 entstandene, „Ciclo dei mesi“ im Adlerturm des Castello del Buonconsiglio in Trient. Bei diesem „Zyklus der Monate“ handelt es sich um Fresken mit jeweils typischen Motiven für die einzelnen Monate (erhalten sind 11 Monatsbilder, jenes für März wurde bei einem Brand zerstört). Geschaffen wurden die Wandbilder vermutlich von dem aus Böhmen stammenden Maestro Venceslao. Er ließ die Schneeballschlacht im Januar stattfinden.

Vermutl. Maestro Venceslao (um 1352 – um 1411): Ciclo dei mesi. Januar (Ausschnitt). Um 1400 (Wikimedia Commons)
Vermutl. Maestro Venceslao (um 1352 – um 1411): Ciclo dei mesi. Januar (Ausschnitt). Um 1400 (Wikimedia Commons)

Schneeballschlachten als typische Motive für die Monate Januar und vor allem Dezember finden sich auch auf den Kalenderblättern einiger der als „Stundenbücher“ bezeichneten Breviere aus dem frühen 16. Jahrhundert. So etwa in einem in der Bodleian Library in Oxford aufbewahrten „Book of Hours“. Entstanden in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Frankreich enthält dieses neben lateinischen Texten zu biblischen Themen jeweils ein aufwendig dekoriertes Blatt zu jedem Monat. Im Dezember gibt es da eine veritable Schneeballschlacht.

Book of Hours. Use of Rome, 16. Jhdt. (Photo © Bodleian Libraries, University of Oxford, CC-BY-NC 4.0.)
Book of Hours. Use of Rome, 16. Jhdt. (Photo © Bodleian Libraries, University of Oxford, CC-BY-NC 4.0.)

Auch auf dem ersten der beiden Dezemberblätter des 1524 in Dijon entstandenen „Livre des Heures de Bénigne Serre“ wird mit Schneebällen geworfen.

Stundenbuch des Bénigne Serre, 1524 (e-codices – Virtual Manuscript Library of Switzerland, Creative Commons BY)
Stundenbuch des Bénigne Serre, 1524 (e-codices – Virtual Manuscript Library of Switzerland, Creative Commons BY)

Und in einem zwischen 1520 und 1530 vermutlich in Brüssel entstandenen Stundenbuch gibt es ebenfalls im Dezember eine Schneeballschlacht.

Book of Hours, Snowball Fight, ca. 1520-1530 (The Walters Art Museum, Baltimore. Creative Commons License)
Book of Hours, Snowball Fight, ca. 1520-1530 (The Walters Art Museum, Baltimore. Creative Commons License)

Mit einer Schneeballschlacht soll Napoleon Bonaparte als 14-jähriger Schüler an der Militärakademie in Brienne während des schneereichen Winters von 1883/84 seine strategischen Fähigkeiten erprobt haben. Denn er schlug vor (wie sich sein Mitschüler und späterer Privatsekretär Louis Antoine Fauvelet de Bourrienne erinnerte[2]) ein Fort aus Schnee zu bauen, das von einer Schülergruppe verteidigt werden sollte, während eine andere versuchen sollte es zu erstürmen. Napoleon kommandierte diesen „Scheinkrieg“ (Bourrienne), der insgesamt fünfzehn Tage dauerte.

Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, ist nicht nachweisbar, und Bourriennes Napoleon-Memoiren sind umstritten – auf jeden Fall aber wird die Episode oft und gerne in der Napoleon-Biografik tradiert und sie wurde auch bildlich umgesetzt.

Horace Vernet (1789–1883): Enfance de Napoléon. Lithografie nach einem Werk von Charles-Etienne-Pierre Motte. 1822 (Wikimedia Commons).
Horace Vernet (1789–1883): Enfance de Napoléon. Lithografie nach einem Werk von Charles-Etienne-Pierre Motte. 1822 (Wikimedia Commons).

Die von Napoleon kommandierte Schneeballschlacht endete, so Bourrienne, erst „als mehrere der Belagerer und der Belagerten durch kleine Steine, die in die Schneebälle gekommen waren, ziemlich schwer verwundet wurden“[3]. Derartige gefährliche „Beimischungen“ zu den Schneebällen und diverse aggressive Auswüchse hatten zur Folge, dass es immer wieder Verbote gegen das Schneeballwerfen gab und gibt.

Fritz Freund (1859–1936): Schneeballschlacht (Wikimedia Commons)
Fritz Freund (1859–1936): Schneeballschlacht (Wikimedia Commons)

Internationale Berühmtheit erlangte 2018 der damals 9-jährige Dane Best aus dem US-Staat Colorado. Er hatte mit seiner Schulklasse das Rathaus seiner Heimatstadt Severance besucht und, wie er später in einem Interview erzählte, dort auch den Bürgermeister getroffen: „‘The mayor told us about crazy laws,‘ Dane said, including the one forbidding snowball throwing.“[4] Seit über 100 Jahren waren Schneeballschlachten in Severance verboten gewesen, doch Dane meinte, dass dies geändert werden müsse. Er reichte – unterstützt von seinen Eltern und seiner Lehrerin – bei der Stadtregierung einen Antrag auf Abschaffung des Verbots ein. „Jeder in Severance sollte in der Lage sein, eine Schneeballschlacht zu haben, wie überall auf der Welt“[5], argumentierte er bei seiner Anhörung vor dem Gemeinderat. Und er war erfolgreich: sein Antrag wurde einstimmig angenommen.

Links: John George Brown (1831–1913): Anticipating the Perfect Moment, um 1897. Rechts: George Henry Yewell (1830–1923): Self Defense, 1854 (beide Wikimedia Commons)
Links: John George Brown (1831–1913): Anticipating the Perfect Moment, um 1897. Rechts: George Henry Yewell (1830–1923): Self Defense, 1854 (beide Wikimedia Commons)

Auch in Japan sind Schneeballschlachten ein beliebtes Motiv der bildenden Kunst. Und nicht nur das: Yukigassen – so das japanische Wort für das Schneebälle-Werfen – wurde dort zu einem Mannschaftssport gemacht. 1988 wurden die offiziellen Regeln festgelegt: Zwei 7-köpfige Teams treten gegeneinander an, jeder Spielsatz dauert 3 Minuten und jedes Team hat dabei 90 Schneebälle zur Verfügung.[6] Jenes Team, das als erstes zwei Sätze für sich entscheidet – d.h. die meisten gegnerischen Teammitglieder „abschießt“ ­– ist Sieger.

Utagawa Kunisada (1786–1865): Zwei korrespondierende Blätter zum Thema Schneeballschlacht (Ausschnitt), um 1825 (Rijksmuseum Amsterdam, Public Domain)
Utagawa Kunisada (1786–1865): Zwei korrespondierende Blätter zum Thema Schneeballschlacht (Ausschnitt), um 1825 (Rijksmuseum Amsterdam, Public Domain)

Yukigassen wurde rasch zu einer sehr populären Sportart, die auch bald auch außerhalb Japans auf Interesse stieß. Mittlerweile gibt es weltweit eine ganze Reihe von Yukigassen-Verbänden, unter anderem auch in Österreich, wo im März 2024, im salzburgischen Filzmoos, die ersten „Internationalen Österreichischen Yukigassen Staatsmeisterschaften“ stattfinden[7].


5.1.2024

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