Märchenbücher sind meist die ersten Bücher, die man als Kind geschenkt bekommt. Generationen über Generationen sind mit Märchenbüchern aufgewachsen und haben die Geschichten verinnerlicht. Etwas ganz Besonderes sind auch die Bilder in diesen Märchenbüchern, die ja zauberhafte Welten entstehen lassen. Sieht man als Erwachsener heute diese Bilder von damals, entsteht ein ganz besonderes Gefühl, man fällt in eine eigenartige Stimmung, die Kindheit meldet sich zurück. Und so trifft Joanna Ebenstein mit ihrem Buch „Die Kunst der Märchenillustration“ einen ganz besonderen Nerv in jeder und jedem von uns.
Joanna Ebenstein ist eine in Brooklyn lebende Autorin, Fotografin, Kuratorin und Designerin, sie ist Gründerin und Kreativ-Direktorin von „Morbid Anatomy“, einer Organisation, die die Zwischenräume zwischen Kunst und Medizin, Tod und Kultur erkundet. Titel ihrer Bücher sind unter anderem „Memento Mori“, „Cabarets of Death“, „Anatomica“. Hier aber soll es um ihr Werk zur Kunst der Märchenillustration gehen. Und das ist nicht nur ein Bilderbuch, sondern es enthält auch einschlägige, wissenschaftlich abgestützte Überlegungen zum Thema Märchen. Im Vorwort spricht die Autorin gleich einmal das „kraftvolle Nachhallen“ an, das diese uralten Geschichten in uns auslöst, und die vielen Wege, die zu ihrer Deutung führen. Heutzutage festgeschriebene Texte sind durch Jahrhunderte hindurch in mündlicher Überlieferung als Unterhaltung für Erwachsene entstanden.
Erst die Brüder Grimm kamen auf die Idee, die Märchen von ihren oft derben, sexuell angereicherten Inhalten zu befreien und für Kinder aufzubereiten. Die Grimmʼschen „Kinder- und Hausmärchen“ gehörten bald zu den meistgelesenen Büchern Deutschlands, und Volkskundler in ganz Europa begannen nun, Sammlungen herauszugeben, Autoren wie Hans Christian Andersen, Lewis Carroll und Oscar Wilde verfassten eigene, sogenannte Kunstmärchen.
Ebenstein sieht einen Zusammenhang zwischen der Blütezeit der Märchenillustration im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und dem Faktum, dass dies gerade jene Zeit war, in der sich der Blick auf die Kindheit veränderte, da sie doch von da an als die „besonders schützenswerte Zeit der Unschuld und des Staunens“ galt. Und so hat die Autorin exquisite, sonderbare, aber immer faszinierende Bilder zusammengetragen, voll „unglaublicher Schönheit, grausigem Schrecken, übernatürlichen Wesen, außerirdischen Schauplätzen und mit dem gesamten Spektrum menschlicher Emotionen und Ausdrucksformen.“
Die vielen, vielen märchenhaften Illustrationen hat Ebenstein nach Themengruppen geordnet, als da sind: Feen, Natur & Tiere, Prinzessinnen & Heldinnen, Helden & Bösewichte, Kindheit & Jugend, Hexen & gefährliche Frauen, Drachen, Dämonen & Bestien, Meerjungfrauen und schließlich Verzauberte Welten.
Sie schreibt von AutorInnen oder KünstlerInnen, die zu ihren speziellen Themen besonders wichtige Werke geschaffen haben. Unter den Illustratoren gibt es zum Beispiel den viktorianischen Maler John Anster Fitzgerald (1819–1906), der den Beinamen „Fairy Fitzgerald“ trug, man verglich seine oft düsteren und dämonischen Werke mit denen von Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel.
Ausführlich behandelt Joanna Ebenstein das Thema Hexen, schreibt da von den gefährlichen Frauen, von der Femme fatale, die verbotene Wünsche verkörperte. „Bemerkenswerterweise“, so Ebenstein, „stammen die meisten Abbildungen in diesem Kapitel von Männern – vielleicht ein Spiegel der in der westlichen Kultur tief verwurzelten Angst vor solch mächtigen Frauen.“ Die Illustration dazu stammt von Iwan Bilibin (1876–1942), einem Maler, der seine künstlerische Begabung besonders in der Illustration russischer Märchen und Sagen zeigte.
Im Kapitel „Drachen, Dämonen & Bestien“ zitiert die Autorin den Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie C.G. Jung (1875–1961), der in all dem Hässlichen und Monströsen, das wir üblicherweise ausgrenzen, den „Schatten“ sah, also alles, was wir ins Unbewusste verdrängen. Der böse Wolf in dem Bild des irischen Illustrators Harry Clarke (1898–1931) sieht aber eigentlich recht harmlos aus. Clarke illustrierte die Märchen des französischen Schriftstellers Charles Perrault (1628–1703), von dem die erste literarische Rotkäppchenversion stammt.
Das sind nur ein paar Bilder aus der Vielzahl der Kunstwerke, die in diesem Buch versammelt sind. Die meisten sind um die Wende zum 20. Jahrhundert entstanden. Es ist die Bilderwelt einer Zeit, die uns vertraut ist, die wir mit den Präraffaeliten, mit Art Nouveau, Modern Style und Jugendstil verbinden. So hat ja Gustav Klimt das Bild „Meerjungfrauen“ (auch bekannt als „Silberfische“, „Nixen“ oder „Sirenen“) geschaffen, das natürlich im gleichnamigen Kapitel zu sehen ist.
Joanna Ebenstein hat ein Buch geschaffen, das einen abtauchen, versinken lässt in eine Welt, von der man nur träumen kann. Anke Wellner-Kempf hat den englischen Text in ein adäquates Deutsch übertragen.
Joanna Ebenstein: Die Kunst der Märchenillustration, Laurence King Verlag, Berlin 2026.







