EGON ERWIN KISCH: DER RASENDE REPORTER

Die Bezeichnung „Der rasende Reporter“ hat der Schriftsteller und Journalist Egon Erwin Kisch (1885-1948) vor rund hundert Jahren so erfolgreich für sich geprägt, dass dieser Begriff auch in unseren Tagen noch Geltung hat. Nun aber ist es an der Zeit, sein Schreiben genau und kritisch zu betrachten, zu sehen, was es denn damit auf sich habe.

Egon Erwin Kisch, 1934 (State Library of New South Wales, Foto: Sam Hood)
Egon Erwin Kisch, 1934 (State Library of New South Wales, Foto: Sam Hood)

Zwei Bücher sind in diesen Tagen erschienen, die sich mit dem Wirken von Egon Erwin Kisch befassen: Unter dem Titel „Prager Verbrechen“ stellt Sabine Rückert in „Die andere Bibliothek“ eine Sammlung von 19 Kriminalreportagen vor, die Kisch zunächst für Zeitschriften geschrieben und später für ein Buch überarbeitet hat. Und in „Egon Erwin Kisch. Der Rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg“, erschienen in der Edition Atelier, versammeln Georg Pichler und Joachim Gatterer alle heute noch auffindbaren journalistischen Arbeiten aus jenem Lebensabschnitt des Autors. Eines sei gleich einmal vorweggenommen: die Faszination hält an, nach der Lektüre dieser beiden Bücher bleibt man – rasender Reporter hin oder her – auch weiterhin schwer beeindruckt.

Sabine Rückert ist eine deutsche Journalistin und Autorin, die in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ als Gerichts- und Kriminalreporterin tätig ist. Sie ist auch Egon-Erwin-Kisch-Preisträgerin des Jahres 2002. (Diesen Preis, der die journalistische Qualität von Reportagen fördern soll, gibt es seit 1977, seit damals wird er jährlich vergeben.) Rückert nähert sich im Vorwort zu „Prager Verbrechen“ dem Schreiben von Kisch durchaus kritisch. Er forderte, unbefangen und objektiv aufzuzeichnen, hielt sich aber selbst nie daran. Von sich berauscht sei er gewesen, stellt sie fest, und dass aus seinen Reportagen das Ego förmlich herausplatze. Seine Texte erinnerten sie fast ein bisschen an die von Karl May, dessen Verehrer und Verteidiger er gewesen sei. Mit den Tatsachen und Daten nahm es der rasende Reporter nicht so genau. So zitiert Rückert den Berliner Literaturwissenschaftler Erhard Schütz: „Es ist poetische Wahrheit in der prosaischen Form von Reportage“. Kisch schaffte es also, Poesie und Prosa, Wahrheit und Reportage in seinem Schreiben zu vereinen. Kein Journalist könne heutzutage noch so locker mit den Fakten umgehen, meint Rückert, hebt aber auch ganz besonders hervor, dass seine Texte von Einfühlungsvermögen und Mitgefühl getragen seien. Sie fordert dazu auf, sie als „an Wirklichkeit angelehnte Literatur“ zu lesen. Auch über seine letzten Jahre, die Verhaftung durch die NS-Polizei, dann die Flucht über Paris und Spanien nach Mexiko und die Rückkehr nach Prag, wo Egon Erwin Kisch 1948 nach mehreren Schlaganfällen starb, weiß sie Bescheid und zitiert den Kisch-Biografen Christian Buckard: „Kisch war einer, der am 20. Jahrhundert zerbrochen ist.“

Für mich persönlich liegt die Faszination der Reportagen im Formalen wie auch im Inhaltlichen: Kischs Stil fesselt, sein Allgemeinwissen und seine Bildung, die er immer wieder ironisch anklingen lässt, faszinieren. Die Buchmacher der „Anderen Bibliothek“ haben ihre Kunst wieder einmal bei der Gestaltung dieses Kisch-Lesebuchs bewiesen. Ein Kisch-Steckbrief mit einer knappen Einführung zu Zeit und Person eröffnet. Auch am Anfang all der neunzehn Reportagen bringt ein Steckbrief Informationen, die expressiven Illustrationen von Jörg Hülsmann begleiten den Text. Um nur ein Beispiel davon zu geben, worum es in diesen Reportagen geht, sei „Ein Henker geht in Rente“ hervorgehoben. Im Mittelpunkt steht Leopold Wohlschläger, der Henker von Prag, den Kisch dort aufsuchte, „während Enkelkinder zu seinen Füßen spielten“. Kisch weiß, was seine Leser von ihm wollen und er bringt es: die Beilhiebe der schönen Mörderin, die minutenlangen Qualen dieser Frau, als Wohlschlägers Debüt als Henker in Wien misslingt, er schreibt von Doppelhinrichtungen und führt detailliert Henkersmahlzeiten an. Die bekannteste seiner Reportagen wird wohl die über den „Fall des Generalstabschefs Redl“ sein, der ja auch mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle 1985 verfilmt wurde.

Buchcover

Der Journalist Georg Pichler und der Politikwissenschaftler Joachim Gatterer beschäftigen sich mit den Spanienaufenthalten Kischs: im Jahr 1933 zu Recherchezwecken und dann vom Juni 1937 bis Ende April 1938, als er über den Kampf der Spanier gegen den Franquismus und über die Freiwilligen in den Internationalen Brigaden schrieb. Den Reiz von „Egon Erwin Kisch. Der Rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg“ macht wieder das ganz Persönliche aus, zum Beispiel Kischs Briefe nach Prag an seine Sekretärin und Geliebte Jarmila Haasová, die später beinahe sein gesamtes Werk ins Tschechische übertrug. Interessant sind auch die Texte von Zeitgenossen über ihn, so schrieb der chilenische Dichter Pablo Neruda in seinen Erinnerungen: „Ich bewunderte seinen großen Einfallsreichtum, seine kindlichen Späße und seine Zauberkünste“, ein katalanischer Schriftsteller bemerkte hingegen, dass Kisch kein Journalist sei, aber vor allem Reportagen schreibe, „mit einem lebendigen scharf ironischen Stil ohne sich von Spitzfindigkeiten oder Oberflächlichem beirren zu lassen.“ Als einen  Höhepunkt seines Schreibens preisen die Herausgeber die Geschichte „Die drei Kühe“, zu der ein anonymer Schreiber nach einer Lesung in Paris fragt: „Kisch, hast du das aufgeschrieben, oder schnöde erfunden?“ Aber diesen Max Beir aus dem Tiroler Wipptal, um den es in der Geschichte geht, hat es wirklich gegeben: „Da habʼ i halt die Kühʼ verkauft und bin nach Spanien gefahren, über Paris, wie alle andern hier. Das ist die ganze Gʼschicht“ – erzählte er Kisch, und ist mit ihm auf zwei Fotos zu sehen.

Egon Erwin Kisch: Prager Verbrechen. Vorgestellt von Sabine Rückert. Die andere Bibliothek, Berlin 2026.
Egon Erwin Kisch: Der Rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg. Hg. von Georg Pichler und Joachim Gatterer. Edition Atelier, Wien 2026.

19.4.2026

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